2. Virtuelles Meeting 20.4.2020 - Thema: "Gesundheit"

Club Tirol beleuchtete COVID-19 medizinisch
Medizinische Versorgung von COVID-19-Patienten in Tirol im internationalen Spitzenfeld
Tirol-Bashing basiert großteils auf falschen Daten, ungeschickter Kommunikation und ungenauen Medienberichten

 
Eine TOP CLUB TIROL Videokonferenz mit mehr als 50 Beteiligten zum Thema „Covid-19 unter besonderer Berücksichtigung von Tirol“ mit den Experten Univ. Prof. Dr. Franz Allerberger MPH, AGES, Humanmediziner und Facharzt für medizinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten, Master of Public Health (Club Tirol Mitglied und verheiratet mit einer Tirolerin) und Prim. Univ. Prof. Dr. Walter Hasibeder, KH Zams und Präsident der Österr. Ges. für Anästesiologie, Reanimation und Intensivmedizin. Ausgezeichnet moderiert wurde die Videokonferenz von Club Tirol Mitglied, Unternehmesberater/Speaker Harald Preyer.
Club Tirol Präsident KR Mag. Julian Hadschieff stimmte zu Beginn auf die neuen Herausforderungen durch COVID-19 ein. Es gelte nun, Erfahrungen auszutauschen, wie man mit der Krise umgeht und Perspektiven für danach zu finden. Die Herausforderungen könnten nur mit einer neuen Solidarität – zum Beispiel in Netzwerken wie der Club Tirol – gemeinsam gemeistert werden. Daher gelte es auch, ein neues Miteinander zu finden. Die zweite ZOOM-Konferenz, die sich dem Thema COVID-19 von medizinischer Seite näherte, sei dazu ein wesentlicher Beitrag.

 
Die ersten Fälle in Tirol und Wien
Franz Allerberger startete seinen Beitrag mit der Frage „Woher stammt das Virus in Europa? Und ist das Tirol-Bashing im Grund gerechtfertigt, weil man tatsächlich zu spät reagiert habe?“ In seinem Beitrag wies er nach, dass es zahlreiche irreführende Pressemeldungen gab, die auf falschen – teilweise auch durch die eigenen Behörden verbreiteten - Daten beruhten, die ein regelrechtes Tirol-Bashing ausgelöst hätten.
Da die Fälle dort gezählt werden, wo sie diagnostiziert wurden, gilt auch der erste bekannt Corona-Fall in Österreich nicht als österreichischer Fall. Trotzdem weist er auch nach Tirol. Eine Deutsche, die zuvor von einer Chinesin, die wiederum von ihren Eltern aus Wuhan angesteckt worden war, im Rahmen einer Schulung an ihrer Arbeitsstelle in Bayern infiziert wurde, nahm vom 24. bis 26. Jänner auf der Dortmunder Hütte im Kühtai an einem Seminar teil, kam mit Fieber nach Hause und wurde in Deutschland auf Covid_19 getestet. Sie hat allerdings im Kühtai niemanden angesteckt.
Defacto betrifft der erste „offizielle“ Fall in Österreich das Pärchen, das am 25. Februar im Hotel Europa auf Covid_19 getestet wurde. Das Hotel wurde noch am gleichen Tag gesperrt. Beide hatten sich in Bologna angesteckt. Beide haben niemand weiteren angesteckt.
Drei Tage später folgten die ersten Fälle in Wien: Auch hier war Italien der Ursprung. Ein Wiener, der in Italien auf Urlaub war, hat seine Familie und Freunde angesteckt. Darunter eine Yogalehrerin, was schließlich zum Cluster A mit 42 Fällen vorwiegend in NÖ führte.
Der erste österreichische Corona-Todesfall war am 14. März in Wien zu beklagen: Ein Österreicher, der sich auf einem Kreuzfahrtschiff angesteckt hatte, verstarb in Wien.

 
COVID-19 in Ischgl bereits im Februar
Und wie ging’s in Tirol weiter? Der inzwischen medienbekannte Barmann des Ischgler „Kitzloch“ wurde am 7. März positiv getestet. Drei andere positive Befunde im Zusammenhang mit dem Kitzloch stammen vom 5. und 6. März. Tatsächlich steht auch fest, dass es das Corona Virus bereits im Februar in Tirol gegeben haben muss. Die 14 Isländer, von denen 13 am 29. Februar wieder zurück in Island waren, hatten sich bereits hier angesteckt. Die kolportierte Ansteckung im Flugzeug ist – so Allerberger – unrealistisch. „Im Flugzeug steckt man sich nicht an. In 20 Jahren ist es mir in keinem einzigen Fall gelungen, eine Ansteckung im Flugzeug nachzuweisen!“
Am 4. März kam das Mail von Island mit Benennung von Ischgl, am 8. März die Information aus Dänemark und am 9. März aus Norwegen, dass sich Gäste definitiv mit dem Corona Virus infiziert hätten. Norwegen sprach damals schon von 169 Fällen. Am 13. März wurde Ischgl unter Quarantäne gestellt.
Von den 15.000 in Österreich Corona-Infizierten können lt. Allerberger definitiv 771 auf Ischgl zurückgeführt werden. Deutschland führt mehr als 9000 Corona-Fälle auf Ansteckung in Österreich, darunter 4.000 in Tirol, zurück. In Island sind es letztlich 94. International gibt es keine verlässlichen Daten, wie viele Ansteckungen tatsächlich auf einen Urlaub in Tirol zurück gehen.
Spannend ist für Allerberger, dass Kinder kaum angesteckt werden oder anstecken. Warum das so ist, lässt sich noch nicht sagen.

 
17 COVID-19 PatientInnen in Zams
Prim. Walter Hasibeder vom Krankenhaus Zams ist einer jener Ärzte in Österreich mit der meisten Erfahrung in der Behandlung von schwer an COVID-19 erkrankten PatientInnen. Die Bilanz der interdisziplinären Intensivstation in Zams vorweg: mit 2 Verstorbenen von derzeit 17 behandelten Corona-PatientInnen liegt Zams, gemeinsam mit den anderen Tiroler Intensivstationen erfolgreich im internationalen Spitzenfeld bei der Rettung von Covid-19 PatientInnen. In seiner COVID-19 Charakterisierung zog Hasibeder einen weiten Kreis. „Wir kennen inzwischen sieben Typen von Coronaviren, vier davon sind meist ungefährlich und verursachen milde Erkältungskrankheiten. Schwere Erkrankungen bewirken das bekannten SARS-CoV-1, das MERS-CoV und zuletzt das SARS-CoV-2. Die Erkrankung die das SARS-Coronavirus 2 auslöst wird allgemein als „Corona Virus Disease 2019“ (COVID-19) bezeichnet.
Was weiß man über das Virus und die neue Erkrankung? Primärer Wirt des Virus ist vermutlich eine Fledermausart in China. Das Virus wurde wahrscheinlich über einen Zwischenwirt auf den Menschen übertragen. Aufgetreten ist SARS-CoV-2 erstmals in einem Lebensmittelmarkt in der chinesischen Provinz Wuhan. Die möglichen Übertragungswege sind: Tröpfchen, Aerosole, Schmierinfektionen und die fäkal-orale Übertragung. Die Inkubationszeit liegt zwischen 5 und 7 Tagen. Im Schnitt steckt jeder Infizierte 2 bis 3 Menschen an. Spannend ist, dass mehr Männer als Frauen angesteckt werden. Das dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die Andockstellen für das Virus im Körper bei Männern häufiger vorkommen als bei Frauen.

 
3 bis 5 % schwere Fälle - Multifunktionserkrankung
86 % aller Infizierten bleiben asymptomatisch. Sie sind für 79 % aller Neuinfektionen verantwortlich.
Die Symptome: Fieber 85 – 95 %, Trockener Husten 67 – 80 %, Atemnot: 55 %, Auswurf 28 %, Muskelschmerzen 45 %, Kopfschmerzen: 10 – 15 %, Übelkeit 10 – 15 %, Erbrechen 10 – 15 %, Diarrhoe: 10 – 15 %
Was die 3 bis 5 % schweren Fälle anbelangt, zeigt sich laut Hasibeder, dass es sich um eine Multifunktionserkrankung handelt. Besonders auffallend bei schweren Fällen sind Durchblutungsstörungen an den Fußsohlen, mit bläulich fleckigen Hautveränderungen. Die PatientInnen zeigen eine Aktivierung der Blutgerinnung. Zirka die Hälfte entwickelt ein Nierenversagen unterschiedlichen Schweregrades und etwa 40% zeigen eine verminderte Pumpfunktion vor allem des linken Herzens sowie laborchemische Zeichen einer Herzschädigung.
Generell wirken COVID-19 Erkrankte extrem abgeschlagen, apathisch, schlafen immer wieder weg und das auch ohne hohes Fieber. Das spricht – so Hasibeder – auch für eine neurologische Beteiligung.
Höheres Alter, Vorerkrankungen wie Koronare Herzerkrankung, Herzschwäche, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Chronische Lungenerkrankung COPD, Chronische Niereninsuffizienz, Immunsuppression gelten als Risiko für einen schweren Erkrankungsverlauf.

 
"PCR-Diagnostik bei Intensivpatienten nicht sicher"?
Ein großes Problem stellt lt. Hasibeder die PCR-Diagnostik beim SARS-CoV-2 dar. „Wir haben immer mehr Patienten in Tirol, die eindeutige COVID-19 Symptome zeigen, aber der Test aus dem Rachen war zweimal negativ. Erst als man im Rahmen der klinischen Untersuchung Sekret aus den tiefen Atemwegen testete, zeigte sich die Infektion.
Was die Behandlung der schwer erkrankten Patienten anbelangt können folgende Statements gemacht werden: Die künstliche Beatmung ist in der Regel nicht schwierig, da die Dehnbarkeit von Lunge und Thorax gut erhalten bleiben und dadurch keine exzessiven Beatmungsdrücke bei der künstlichen Beatmung erforderlich sind. Die PatientInnen sprechen oft gut auf Lagerungstherapie (Bauch und Rückenlagerung im Wechsel) an. Die beobachtete Gerinnungsaktivierung mit erhöhter Thromboseneigung wird mit entsprechender Blutverdünnungstherapie behandelt. Eine Nierenfunktionsstörung erfordert in manchen Fällen eine vorübergehende Nierenersatztherapie. In seltenen Fällen stabilisiert sich die Lungenfunktion nicht und die Patienten müssen im Zentrumsspital an eine „künstliche Lunge“ angeschlossen werden.
In Zams wurden bisher 17 Patienten behandelt. Sieben weitere, vor allem jüngere Patienten wurden nach der Erstversorgung aufgrund von Kapazitätsproblemen und in 2 Fällen aufgrund des Nicht-Ansprechens auf die mechanische Beatmung nach Innsbruck weiter vermittelt.
Das Durchschnittsalter der in Zams Behandelten ist 67, zwei von 17 PatientInnen sind verstorben. Sie litten an schweren Vorerkrankungen.

 
GIBT ES EINE SPEZIFISCHE THERAPIE GEGEN SARS-CoV-2
„Derzeit gibt es noch keine Evidenz, dass irgendein Medikament den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflusst.“ Generell konzentriert sich die Therapie daher auf die Stabilisierung der Organfunktionen und die Normalisierung der Sauerstoffversorgung mittels Sauerstoffgabe, nicht-invasiver und invasiver Beatmungsmethoden, Blutverdünnung, Ernährungstherapie und, wenn notwendig Organersatz der Nieren und der Lungen. Auf der Intensivstation verbringen PatientInnen, die sich unter nicht invasiver Beatmungstherapie stabilisieren im Schnitt 6,5 Tage. Wer allerdings invasiv beatmet werden muss bleibt in der Regel mehrere Wochen auf der Station.

DAS FACIT:
Drei Fragen sind nach wie vor ungelöst: Wie kommen wir zu verlässlichen Testungen? Wie kommen wir zu verlässlichen Antikörpertestungen? Und gibt es eine Virusreaktivierung? „Es gibt in Tirol schon eine Handvoll Patienten, denen es gut gegangen ist und die plötzlich wieder eingebrochen sind nochmals einen zweiten Schub der Erkrankung erleben,“ sagt Hasibeder.
Selbst wenn das Virus bei weitem nicht so ansteckend sein dürfte wie kolportiert, wird uns COVID_19 noch längere Zeit weiter begleiten. Weder Medikament noch Impfung ist derzeit in Sicht.

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